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Geschichten, die das Firmen-Leben schrieb

18. Mai 2007 | Von Heinz-Detlef Scheer

Heute: Heinrich Meyerdiercks sein freier Wille

Schreuble hatte sich oft schon über diese oder jene Reaktion seines Mitarbeiters Heinrich Meyerdiercks geärgert. Sein Kollege aus Norddeutschland vertrat im allgemeinen die Meinung, dass ein Mensch das Ergebnis seiner (meist misslungenen) Erziehung, der bösen Mütter, der gefühlskalten Väter, rachsüchtiger Lehrer, der politischen und/oder wirtschaftlichen Umstände und anderer zerstörerischer äußerer Einflüsse sei. Nur ein paar Menschen waren seiner Meinung nach mit mehr oder weniger goldenen oder silbernen Löffeln im Mund geboren worden. Und wenn überhaupt, dann waren das Ausnahmen, Reiche, unberechtigte Erben usw.

Mit einer dieser Überzeugung entspringenden Hasstirade gegenüber irgendjemand im Betrieb, der irgendetwas leichter oder "oberflächlicher" sah als Meierdiercks hatte er schon mehr Gespräche, als für Schreuble zu ertragen war, ein für allemal beendet und oft auch gleich - unfreiwillig zwar - die Beziehung. Was sollte man auch dagegensetzen?

Das letzte Mal war Schreuble dies passiert, als es um den Auftrag aus Italien ging. Die neue Lackieranlage für das Alfa Romeo Werk in Neapel drohte nicht mehr rechtzeitig fertig zu werden, weil die Steuerung, die in der Verantwortung von Meierdiercks lag, nicht zuverlässig arbeiten wollte.

Schreuble wusste bereits nicht mehr, worauf Meierdiercks dies zurückgeführt hatte, jedenfalls hatte er sich wieder einmal elegant aus der Affäre gezogen, der Meierdiercks.

Der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth hatte es angeblich herausgefunden. Nach Jahrtausende alter und - langer Diskussion über den menschlichen freien Willen und darüber, ob dieser überhaupt existierte, hatte er gezeigt, dass der Impuls der motorischen Nervenbahnen in Richtung Hand bereits abgefeuert wird, bevor der dazugehörige Mensch sich entschließt, die Hand zu bewegen! Also hatte der Mensch keinen freien Willen! Noch schlimmer: Der Mensch bildete sich diesen freien Willen nur ein!

Aus die Maus: Wenn man diese Gedanken zu Ende denken würde, wäre nicht nur unser gesamtes Strafrecht obsolet - was Schreuble hier und da und dann und wann ohnehin schon manchmal gedacht hatte. Denn ohne freien Willen gibt es logischer Weise auch keinerlei Verantwortlichkeit, weil es ohne freien Willen auch keine Beeinflussung eigener Handlungen und damit keinen Vorsatz und keine Schuld geben kann. Man ist nicht frei sich zu entschließen, weil der Körper sich bereits aufgrund einer vorhergegangenen Lerngeschichte oder Informationsverarbeitung oder oder (ja, was denn?!)  entschlossen HAT.

Was für eine Vorstellung! Das würde ja nicht nur das Strafrecht, sondern auch gleich alle Leistungsbeurteilungssysteme, deren finanziellen und andere Konsequenzen treffen, die Zeugnisse seiner Kinder, das Ergebnis seiner versiebten UKW-Funk-Prüfung und und und… Alle jemals wegen besonderer Leistungen vergebene Orden, Preise, ja auch die Nobelpreise: Alles Blödsinn! Einstein konnte gar nicht anders, weil irgendetwas im Kosmos auch dessen Leben bis in alle Einzelheiten vorbestimmt haben muss. Bevor er die Relativitätstheorie formulieren konnte, hatte sein Mund das bereits getan! Wusste der Mund von Albert Einstein mehr als Albert Einstein selber?! Nein, das konnte Schreuble sich einfach nicht vorstellen. Er dachte an andere Körperteile. (Tina Turner sang doch in irgendeinem Lied: "Just a physical attraction!"). Wie unromantisch!!

Dann hatte seine Frau sich ja gar nicht in ihn verliebt, nicht mal in seinen Körper, sondern ihr Körper konnte gar nicht anders!!!

Naja, wenn er sich das recht überlegte, traf das auf seinen eigenen Körper gegenüber seiner Frau vielleicht zu…, jedenfalls noch vor Jahren… nein, er verbot sich diesen Gedanken sofort wieder. Schließlich war er immer noch verliebt. Oder war das nur Teil eines übergeordneten Programms?! Aber… was, wenn das sein Geist, seine Gefühle, alles nur eine uralte Software…

Aber was der Herr Meierdiercks da heute wieder geliefert hatte, war einfach zu viel gewesen. Freier Wille hin oder her. Das konnte er einfach nicht akzeptieren. Der Kerl versaut einen ganzen Auftrag und beruft sich danach auf den aktuellen Stand der Hirnforschung!

Der Roth da aus Bremen, der gehörte doch mitsamt ohne seinen freien Willen von der Uni entfernt, oder wenigstens aus dem Verkehr, der wusste ja gar nicht, was er anrichtete. Nur weil meine Hand vorher einen Impuls von meinem Hirn bekommt, heißt das doch noch lange nicht, dass ich keinen freien Willen habe! Schließlich kann ich mich heute entschließen, morgen in den Zoo zu gehen, ohne dass meine Füße bereits vorher angefangen haben, los zu maschieren. Was für ein Irrsin!!

Manfred nahm sich eine Aspirin aus der Schublade, kaute sie ohne Wasser und übergab sich gleich darauf fast. Es war eine normale Brausetablette, die man eben nicht ohne Wasser… Was für ein Tag!

Seinen Coach, den er seit vier Monaten dafür bezahlte, dass er nicht alle Entscheidungen mutterseelenallein treffen musste, sah er erst morgen wieder!

Seine Frau war mit seinen Kindern noch nicht vom verlängerten Wochenende zurück. Seine Stammkneipe, insofern man von so etwas in Stuttgart überhaupt sprechen konnte, hatte wegen Betriebsferien geschlossen. Wenn Meierdiercks Recht hatte, dann war das alles ein Ergebnis prinzipiell voraussehbarer Lerngeschichten seines neuronalen Netzwerkes, dass unabhängig von ihm festlegte, ob er in die Kneipe ging oder nicht…

Manfred war klar, dass es sich dabei um eine Verschwörung des Schicksals gegen ihn handeln musste, die Meyerdiercks durch seine schlechte Aura in Gang gesetzt hatte. Anders konnte er sich das nicht mehr erklären, außer, dass ihm sein oft betrunkener Vater und seine liederliche Mutter ab und zu dazu einfallen mochten.

Er entschloss sich deshalb aus freien Stücken und völlig unkontrolliert von seinem nicht vorhandenen freien Willen, zu Meierdiercks ´rüber zu gehen und ihm aus voller Überzeugung, bei vollem Bewusstsein und mit viel Genuss ein Feedback um die Ohren zu hauen, das wirklich niemand mehr - auch nicht unter Berücksichtigung aller unglücklichen Umstände - als gutes Feedback bezeichnen konnte. Allen voran nicht Manfred Schreuble. Aber es sollte auch gar keines sein.

Es war ein Frontalangriff aus einer Haltung ständiger Demütigung heraus, ein Befreiungsschlag, ohne schlechtes Gewissen, mit voller Absicht und mit totalem Genuss.

Es wurde niemals geklärt, wie lange Meyerdiercks gebraucht haben mag, um sich diesen Ausbruch von Schreuble durch dessen unglückliche Kindheit, einer unmittelbar vor der Handlung stattgefunden habenden kurzen negativen Lerngeschichte, seinem nicht vorhandenen freien Willen oder durch ähnliche Faktoren zu erklären.

Nur auf sich und sein Verhalten führte er das Verhalten Schreubles bestimmt nie zurück. Nun gut, wenn es dem state of the art der Hirnforschung entspricht…



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